Menschen für Veränderung gewinnen

Beim HumanFactor-Training am 12. August lernten die Teilnehmenden, wie man Menschen in Veränderungsprozessen mitnehmen kann, was sie motiviert und bremst. Hier die wichtigsten Erkenntnisse.

Wie gelingt es, Menschen für nachhaltiges Handeln zu gewinnen und sie aktiv in Veränderungen einzubinden?

Ganz nach unserem Jahresmotto möchten wir niemanden zurücklassen bei Veränderungen. Daher brauchen wir Beteiligung und gemeinsames Gestalten.

Genau hier setzt der HumanFactor-Ansatz an: Zwischen Information und Handlung liegen viele unsichtbare Hürden. Beim HumanFactor-Training im Rahmen von NetWorkMob lernten die Teilnehmenden, wie Veränderungen gelingen können – und warum Kommunikation dabei oft wichtiger ist als die perfekte Maßnahme.

Verhalten verstehen

Viele Projekte gehen von einer einfachen Annahme aus: Information führt zu Wissen und Wissen führt zu Handeln. In der Praxis funktioniert das selten. Menschen filtern Informationen durch ihre Erfahrungen, Werte und Gewohnheiten. Selbst wenn sie ein Problem verstehen und eine Lösung gut finden, heißt das noch lange nicht, dass sie ihr Verhalten ändern.
HumanFactor hat Werkzeuge entwickelt, um Menschen in Veränderungsprozesse einzubinden.

Der Kompass #1 hilft dabei, das Verhalten von Menschen zu verstehen – was hindert sie vielleicht an der Veränderung?

  • Fähigkeit: Haben die Menschen das nötige Wissen, die körperlichen Voraussetzungen und die emotionale Sicherheit?
    Zum Beispiel: Wissen die Menschen, wie man Fahrpläne für Öffis herausfinden kann? Sind sie in der körperlichen Verfassung zum Radfahren? Verstehen sie, was zu tun ist?
  • Umfeld: Unterstützen Infrastruktur, Regeln und das soziale Umfeld die Veränderung?
    Zum Beispiel: Gibt es sichere Radwege oder einen Bus, hat die Person ausreichend Geld und Zeit? Gilt das Auto im sozialen Umfeld als Statussymbol, oder gibt es andere, die als Vorbild Rad und Öffis nutzen?
  • Motivation: Gibt es gute Gründe, Gewohnheiten zu ändern, und welche Gefühle spielen dabei eine Rolle?
    Zum Beispiel: Erkennen die Menschen Sinn in dem Verhalten? Fühlen sie sich wirksam dabei? Welche alten Gewohnheiten stehen dem neuen Verhalten im Weg?

Oft denkt man an die Voraussetzungen durch das physische Umfeld und vergisst dabei andere Faktoren, die das Verhalten beeinflussen. Wer Mobilitätsangebote einführt, sollte daher auch auf die Fähigkeiten, das Wissen, soziale Umfeld und die Motivation der Menschen achten.

Vorteile überzeugen oft stärker als Klimaschutz

Ein zentrales Lernfeld des Trainings war die Frage, aus welcher Motivation heraus Menschen handeln:

Einiges tun wir, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist – uns erwarten Sanktionen, wenn wir z.B. Verkehrsregeln missachten. Das erfordert aber klare Regeln und Kontrollen.  Manchmal möchten wir etwas vermeiden, das uns schaden würde – wir haben Angst vor einem Risiko oder Verlust. Auch das ist kein guter Motivator.

Erfahrungen zeigen, dass Menschen oft handeln, wenn es Vorteile bringt: Gesundheit, Zeitersparnis, Komfort, finanzielle Vorteile oder ein positives soziales Image wirken oft stärker als abstrakte Klimaziele.

Wovon sich Nachhaltigkeitsprojekte verabschieden müssen: Nur wenige handeln aus persönlichen Idealen und Werten für den Klimaschutz. Dennoch kann man an die Werte anknüpfen, die Menschen wichtig sind – etwa Familie, Freiheit, Sicherheit oder Gemeinschaft. Trefft euch auf einer gemeinsamen Wertebasis, dann kommt ihr schneller ans Ziel.

Überlegt daher, warum Menschen so handeln: Weil sie es müssen? Weil sie Konsequenzen fürchten? Weil sie Vorteile sehen? Oder weil sie persönlich überzeugt sind und es ihren Idealen entspricht?

Nicht alle gleichzeitig erreichen wollen

Die Diffusionstheorie hilft zu verstehen, dass es oft nur wenige Menschen für einen Wandel braucht. Zuerst probieren wenige Pioniere neue Lösungen aus. Danach folgen Vorreiter, die Vorteile erkennen oder Vorbilder sein möchten. Ist ein Trend sichtbar und es funktioniert, springt die frühe Mehrheit auf. Die späte Mehrheit kommt dazu, wenn das Verhalten bereits weit verbreitet ist. Und: Es gibt immer einige, die sich nicht überzeugen lassen und an alten Mustern festhalten.

Für Mobilitätsprojekte bedeutet das: Nicht alle Ressourcen in die Überzeugung der größten Kritiker investieren. Oft ist es wirksamer, die Menschen zu unterstützen, die bereits Interesse zeigen und andere mitziehen können.

 

Widerstand ist eine wichtige Information

Besonders interessiert waren die Teilnehmenden, was man bei Widerständen tun kann. Statt sie als Hindernis zu betrachten, versteht HumanFactor Widerstand als Botschaft.

Hinter Ablehnung steckt häufig ein unerfülltes Bedürfnis, eine Sorge oder eine Unsicherheit. Wer beispielsweise gegen eine neue Mobilitätsmaßnahme argumentiert, hat nicht unbedingt etwas gegen Nachhaltigkeit. Vielleicht fehlen Zeit, Budget, Sicherheit oder Vertrauen.

Der richtige Umgang:

  1. Zuhören.
  2. Widerstand anerkennen: Für die betroffene Person ist es gerade ein Problem, die Gefühle sind real und berechtigt.
  3. Die dahinterliegenden Bedürfnisse verstehen: Wovor hat die Person Angst? Was wurde nicht erfüllt?
  4. Widerstand umdeuten: Neue Perspektiven aufzeigen – wie könnte man die Situation anders betrachten?
  5. Gemeinsam Lösungen entwickeln auf Basis, was dem anderen wichtig ist.

Menschen wollen sich ernst genommen fühlen, bevor sie bereit sind, neue Wege auszuprobieren.

Veränderung braucht Zeit

Ein weiteres zentrales Learning: Verhaltensänderungen sind keine kurzfristigen Projekte. Sie verlaufen in mehreren Phasen – vom ersten Problembewusstsein über Motivation und Ausprobieren bis hin zur dauerhaften Verankerung im Alltag. Dieser Prozess kann mehrere Jahre dauern.

Wer nachhaltige Mobilität fördern möchte, braucht daher Geduld. Informationen allein reichen nicht aus. Menschen benötigen Orientierung und Anleitung (wie mache ich das überhaupt?, Austausch (wie machen das andere?), Unterstützung (was tun, wenn etwas nicht gleich funktioniert?) und positive Erfahrungen.

Prozesse gemeinsam gestalten

Der zweite HumanFactor-Kompass richtet den Blick auf die Gestaltung von Prozessen. Erfolgreiche Veränderungen entstehen, wenn die richtigen Menschen eingebunden sind.

Einige Fragen sind:

  • Wer ist von der Veränderung betroffen?
  • Wer verfügt über Wissen oder Einfluss?
  • Wer könnte das Vorhaben unterstützen oder blockieren?
  • Haben alle das gleiche Bild von der Herausforderung?
  • Welche gemeinsamen Bedürfnisse gilt es zu beachten?
  • Welche Ressourcen und Spielregeln braucht der Prozess?
  • Wer entscheidet was?
  • Sind wir auf dem richtigen Weg?

Besonders wichtig ist transparente Kommunikation. Menschen möchten verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden, wie sie entstanden sind und welche Überlegungen dahinterstehen. Wer erst kommuniziert, wenn alles fertig ist, riskiert Missverständnisse und Widerstände.

Fazit

Nachhaltige Projekte brauchen vor allem Menschen, die die Veränderungen mittragen. Um erfolgreich zu sein, müssen Bedürfnisse, Motivation und Umfeld mitgedacht werden.

Dranbleiben:

Hier gibt es weitere Infos zu HumanFactor.

 

NetWorkMob begleitet Betriebe, ihre Mobilität nachhaltig zu gestalten. Mit einem starken Netzwerk können Unternehmen voneinander lernen und die ersten Schritte setzen. Hier geht es zur Lern- und Austauschplattform mit Infos, Angeboten, Fragen und Antworten.