Sicher zu Fuß
und mit dem Rad

Stumm im Zillertal bringt nachhaltige Mobilität in den Alltag und fördert gezielt den Fuß- und Radverkehr.

Wie können wir den öffentlichen Raum so gestalten,

dass Menschen gerne zu Fuß gehen und Rad fahren?

Ob Kinder selbstständig zur Schule gehen, ältere Menschen einkaufen oder Beschäftigte mit dem Rad zur Arbeit fahren können, hängt auch davon ab, wie Straßen und Wege gestaltet sind. Eine gute Gestaltung des öffentlichen Raums schafft mehr Lebensqualität, Orte für Begegnungen und sichere, selbstständige Wege. Um Tirol zukunfts- und klimafit zu gestalten, braucht es weniger Abhängigkeit vom Auto – und bessere Bedingungen für Fuß- und Radverkehr.

Stumm im Zillertal geht mit gutem Beispiel voran – auf mehreren Ebenen: Egal ob konkrete Verbesserungen des Fuß- und Radverkehrs oder gemeinsame Aktionen – mehrere Maßnahmen verbinden eine gemeinsame Idee: Nachhaltige Mobilität soll im Alltag selbstverständlich werden und für möglichst viele Menschen funktionieren.

Von der Analyse zur Umsetzung

Hier setzen PRO-BYKE und PRO-FUSS an. Das Klimabündnis Tirol begleitet Gemeinden dabei, den Radverkehr und das Zufußgehen im Alltag gezielt zu verbessern. Gemeinsam mit Gemeindevertreter:innen und Bürger:innen werden die Wege vor Ort unter die Lupe genommen: Wo gibt es Gefahrenstellen? Wo fehlen sichere Querungen oder gute Abstellmöglichkeiten? Und wo braucht es Verbesserungen?

Die Beteiligten untersuchen die Gemeinde bei einer gemeinsamen Radfahrt oder Begehung. Aus den Beobachtungen und Einschätzungen mithilfe unserer Mobilitätsexpert:innen entstehen konkrete Maßnahmen, die die Gemeinde Schritt für Schritt umsetzen kann.

David Mittelholz, Mobilitätsexperte des Klimabündnis Tirol, erklärt im Interview, wie die Beratung abläuft und welche Vorteile sie für die Gemeinde bringt.

Wie laufen PRO-BYKE und PRO-FUSS konkret ab? Wie werden die Gemeinden dabei begleitet?

David Mittelholz: Ziel der beiden Begleitprozesse ist, gemeinsam mit Politik, Verwaltung und Bevölkerung konkrete Verbesserungen für den Rad- bzw. Fußverkehr zu entwickeln und umzusetzen.

  • Phase 1: Startgespräch mit der Gemeinde und Bestandsaufnahme der größten Herausforderungen und Potenziale
  • Phase 2: lokales Gemeinde-Team bilden, um Wissen vor Ort einzubinden und die Maßnahmen politisch zu verankern
  • Phase 3: Gemeinsame Begehung oder Radtour mit Analyse und Videodokumentation
  • Phase 4: Maßnahmenworkshops mit drei typischen Bereichen: Infrastruktur (Geh- und Radwege, Verkehrsberuhigung, Abstellanlagen), Organisation (Zuständigkeiten, Ansprechpersonen) und Kommunikation (Veranstaltungen, Bewusstseinsbildung). Das Ergebnis ist ein konkreter Maßnahmenplan für die Gemeinde.
  • Phase 5: Beschluss des Maßnahmenplans und Umsetzung
  • Phase 6: Begleitung und Evaluierung: Welche Maßnahmen wurden umgesetzt? Wo gibt es Schwierigkeiten? Welche nächsten Schritte sind sinnvoll?

In den bisher betreuten Gemeinden wurden innerhalb von zwei Jahren durchschnittlich rund 50 % der beschlossenen Maßnahmen umgesetzt.

Welche Maßnahmen wurden in Stumm bereits umgesetzt, und was ist als Nächstes geplant?

David Mittelholz: „In Stumm wurden seit der Beratung mehrere Gehwegabschnitte errichtet und damit Lücken im Fußwegenetz ergänzt. Außerdem wurde vom Gemeinderat beschlossen, einen 4-monatigen Pilotversuch mit einer Einbahnregelung zu starten, um mehr Platz für Fuß- und Radverkehr zu gewinnen. Mit tollen Aktionen wir der GEHmeindeRADsitzung, einem Open-Air Kino und dem Retro-Ride hat Stumm außerdem an der Europäischen Mobilitätswoche teilgenommen und die aktive Mobilität auch kommunikativ in den Vordergrund gerückt.“

Warum lohnt es sich für Gemeinden, den Fuß- und Radverkehr gezielt zu verbessern?

David Mittelholz: „Investitionen in den Fuß- und Radverkehr verbessern die Lebensqualität, erhöhen die Verkehrssicherheit, stärken den lokalen Handel, reduzieren Infrastrukturkosten und unterstützen Klima- und Gesundheitsziele. Kaum eine andere kommunale Maßnahme erzielt so viele positive Effekte mit vergleichsweise geringem Mitteleinsatz.“

 

Welche typischen Hindernisse begegnen Gemeinden bei der Förderung des Fuß- und Radverkehrs?

David Mittelholz: „Die größten Hindernisse sind selten technischer Natur. Meist geht es um Platzverteilung, Gewohnheiten, politische Akzeptanz und begrenzte Ressourcen. PRO-FUSS und PRO-BYKE machen Herausforderungen im Fuß- und Radverkehr sichtbar, bringen die relevanten Akteure zusammen und unterstützen Gemeinden dabei, praktikable Maßnahmen zu entwickeln und tatsächlich umzusetzen.“

Welche Maßnahme ist ein guter erster Schritt für eine Gemeinde?

David Mittelholz: „Beginnt dort, wo die Menschen die Probleme täglich erleben: bei Schulwegen, Ortszentren und bekannten Gefahrenstellen. Kleine Verbesserungen mit hoher Sichtbarkeit schaffen Vertrauen und legen den Grundstein für eine langfristige Fuß- und Radverkehrsförderung.“

 

Warum ist es wichtig, die Bedürfnisse verschiedener Bevölkerungsgruppen mitzudenken?

David Mittelholz: „Eine Gemeinde ist dann gut zu Fuß und mit dem Fahrrad nutzbar, wenn sie für Kinder, ältere Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität funktioniert. Was für die Schwächsten sicher und komfortabel ist, kommt letztlich allen zugute.“

Der Mobilitätsbeauftragte Michael Möderl aus Stumm ergänzt:

Michael Möderl: „In erster Linie wollen wir günstige Maßnahmen mit viel Wirkung umsetzen. Dazu zählen Bodenmarkierungen, Hinweis- und Temposchilder, Informationsmaterial (z.B. Karte mit Geh- und Radwegzeiten), Übungskurse bzw. Workshops in Schulen und bauliche Kleinmaßnahmen. Für gewisse Bodenmarkierungen müssen wir jedoch noch auf das Ende des LWL-Ausbaus warten. Später folgen größere Straßen- und Radwegbauprojekte.

Schwierig ist dabei das Einvernehmen mit Grundstückseigentümern herzustellen. Verhandlungen sind oftmals träge und können emotional werden. Am unkompliziertesten und doch wirkungsvoll ist, wenn in Eigenleistung mit Sharrows auf Radfahrer aufmerksam gemacht wird.“

Wenn der Gemeinderat

selbst aufs Rad steigt

Neben der Infrastruktur ist es wichtig, nachhaltige Mobilität im Alltag sichtbar zu machen. Im September fand daher die GEHmeindeRAD-Sitzung statt. Die Mitglieder des Gemeinderats waren eingeladen, zu Fuß oder mit dem Rad zum Gemeindeamt zu kommen. Die klimafreundliche Anreise wurde zur Vorbildwirkung, aber auch zum Perspektivenwechsel: Wer selbst zu Fuß geht oder Rad fährt, nimmt die Wege und die Verkehrssituation anders wahr als aus dem Auto. Mit der Aktion nahm die Gemeinde das erste Mal an der Europäischen Mobilitätswoche teil.

Bürgermeister Franz Kolb und Mobilitätsbeauftragter Michael Möderl berichten von ihren Erfahrungen.

Wie wurde die GEHmeindeRAD-Sitzung im Gemeinderat aufgenommen?

Franz Kolb: „Wir haben die Räte bei der letzten Sitzung eingeladen, möglichst mit dem Fahrrad oder zu Fuß anzureisen. Zusätzlich wurden sie über Textnachrichten und E-Mails informiert.

Die Rückmeldungen waren sehr unterschiedlich: Einige sind tatsächlich zu Fuß oder mit dem Rad gekommen, andere haben es diesmal noch nicht geschafft. Wichtig ist uns, dass wir das Thema kontinuierlich positiv begleiten: Die Gemeinderäte werden immer wieder motiviert, ohne Auto zur Sitzung zu kommen. Es geht nicht um Verpflichtung, sondern um ein gemeinsames Ziel. Wir bleiben da dran und freuen uns über jeden, der mitmacht.“

Hat die bewusste Anreise zu Fuß oder mit dem Rad etwas an der Diskussion über Mobilität oder Verkehrssicherheit verändert?

Michael Möderl: „Das grundsätzliche Bewusstsein für eine Verbesserung der Situation für Radfahrer und Fußgänger war im Gemeinderat dieser Periode schon immer vorhanden. Auch zuvor gab es für die Verbesserung immer einstimmige Beschlüsse. Der Gemeinderat kann als Vorbild für die Bürger wirken.“

Was würdet ihr anderen Gemeinden empfehlen, die eine ähnliche Aktion ausprobieren möchten?

Michael Möderl: „Die Gemeinderäte sollen im Vorfeld zu mehr Aktivität im Alltag motiviert werden, zum Beispiel durch Informationsmaterial und einem Vortrag unter Einbindung des Klimabündnis Tirol.“

Radfahren als gemeinschaftliches Erlebnis

Auch gemeinsame Erlebnisse können Menschen fürs Radfahren begeistern. Beim RetroRide Zillertal treffen historische Fahrräder, Retro-Outfits und die Freude am Radfahren aufeinander. Die Aktion zeigt, wie ein öffentlicher Raum entstehen kann, in dem Menschen sich gerne aufhalten und begegnen. Das Event weckte Begeisterung am Radfahren und brachte die Gemeinde eher zusammen.

Was war die Idee hinter dem RetroRide, und was möchtet ihr den Teilnehmenden und Zuschauer:innen bieten?

Franz Kolb: „Die Veranstaltung lädt die Teilnehmenden dazu ein, mit Oldtimerrädern und passender Retro-Kleidung zu fahren. Dadurch entsteht eine besondere, optisch ansprechende Atmosphäre, die sich bewusst vom modernen Rennsport abhebt. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Radfahren, nicht der Wettkampf um Geschwindigkeit. Die Veranstaltung dient als geselliger Abschluss der Tiroler Radsportsaison und bietet die Gelegenheit, den Sommer in entspannter Runde ausklingen zu lassen.“

 

Warum habt ihr euch heuer erstmals an der Europäischen Mobilitätswoche beteiligt?

Franz Kolb: „Durch die Information des Klimabündnis Tirol wurden wir auf diese Aktion aufmerksam gemacht und waren sofort positiv überzeugt.“

Welche Rolle können Veranstaltungen wie diese dabei spielen, Menschen fürs Radfahren zu begeistern?

Michael Möderl: „Solche Aktionen bitten die beste Möglichkeit auf umweltbewusste Mobilität aufmerksam zu machen und die Bürgerinnen und Bürger zu sensibilisieren. Gerade die aktuell hohen Treibstoffpreise werden auch ein Umdenken bewirken.“

 

Wie möchtet ihr Menschen ansprechen, die nicht regelmäßig Rad fahren?

Michael Möderl: „Bei dieser Frage sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Radfahren für alle nicht möglich sein wird. Gesundheit, Fitness, ältere Menschen, Kondition usw. sind Voraussetzung für das Radfahren. Für alle, die das Radfahren nicht erlernt haben, werden Kurse und Sicherheitstrainings angeboten.“

Was andere Gemeinden daraus mitnehmen können

Stumm zeigt, dass Gemeinden auf mehreren Ebenen etwas für nachhaltige Mobilität tun können: Entscheidend ist, diese Ansätze zusammenzudenken.

Franz Kolb rät anderen Gemeinden: „Nicht warten, sondern handeln.“

Jetzt für den Beratungsprozess bewerben:
Gemeinden, die ihre Wege sicherer und attraktiver gestalten möchten, können sich für PRO-BYKE und PRO-FUSS 2027 bewerben. PRO-BYKE und PRO-FUSS werden gefördert vom Land Tirol, für die Gemeinden bleibt lediglich ein Selbstbehalt von € 500 + € 0,03 pro Einwohner:in.

„Menschen gehen oder fahren im Alltag dann gerne mit dem Fahrrad, wenn es einfach, sicher, direkt und angenehm ist. Gemeinden, die diese Bedingungen schaffen, erzielen meist die höchsten Anteile an Fuß-und Radverkehr und profitieren gleichzeitig von mehr Lebensqualität, Gesundheit und Verkehrssicherheit“, sagt David Mittelholz.

 

Ansprechpartner:
David Mittelholz, david.mittelholz@klimabuendnis.at